Ein zweites Beispiel ist der Herzinfarkt. Während meines Medizinstudiums habe ich noch gelernt, dass vorwiegend übergewichtige, gestresste Männer ab 50 davon betroffen sind, und dass man ihn an Schmerz in der Brust erkennt, der in die Arme und in den Kiefer ausstrahlen kann. Bei Frauen sind die Symptome aber oft ganz anders: Übelkeit, Bauchschmerzen, Schwindel, Müdigkeit. Zu lange wurden daher viele Frauen falsch oder zu spät diagnostiziert und sind daran gestorben.
Und inwiefern ist Gender aus medizinischer Sicht relevant?
In vielen Studien sieht man, dass Frauen im medizinischen Alltag weniger ernst genommen, ihre Schmerzen unterschätzt werden. Kamen Frauen mit Brustschmerzen in die Notaufnahme, wurde über Jahre hinweg häufig Angst als Ursache vermutet anstelle einer Herzerkrankung.
Ein weiteres Gender-Problem in der Medizin ist, dass Krankheiten, die hauptsächlich Frauen betreffen, weniger Priorität bekommen, weniger Forschungsfinanzierung und weniger Aufmerksamkeit. Ein Beispiel ist Endometriose: Weltweit leiden Millionen von Frauen darunter. Dennoch wurde sie über Jahrzehnte kaum erforscht. Das medizinische Wissen blieb entsprechend lückenhaft. Betroffene lebten jahrelang mit starken Schmerzen, bevor sie eine Diagnose und angemessene Behandlung erhielten. Ernst genommen wird Endometriose erst, seit deutlich wurde, dass sie die Chancen auf eine Schwangerschaft verringern kann.
Wenn es derart wichtig ist: Warum werden Sex und Gender in der Forschung noch immer nicht ausreichend berücksichtigt?
Die medizinische Forschung ist in weiten Teilen noch immer nicht ausreichend inklusiv. In den letzten Jahren ist zwar schon einiges passiert: 2016 veröffentlichte eine internationale Gruppe von Expertinnen und Experten die SAGER-Richtlinien zur besseren Integration von Sex und Gender-Gerechtigkeit in der medizinischen Forschung.
Das war zwar ein Meilenstein, aber diese Guidelines richten sich vor allem an Personen, die Fachzeitschriften herausgeben, um bereits eingereichte Forschungsartikel im Hinblick auf Sex- und Gender-Gerechtigkeit zu bewerten. Das ist aber viel zu spät im Prozess! Denn wenn Forschende nicht von Anfang an daran gedacht haben, geschlechtsspezifische Daten zu erheben, können sie nachträglich auch keine solchen analysieren.
War das der Grund, warum Sie für die Schweiz entsprechende SAGER-Richtlinien mit erarbeitet haben, die sich an Ethikkommissionen richten?
Ja. 2023 haben wir eine Arbeitsgruppe geschaffen und die SAGER-Empfehlungen für Schweizer Ethikkommissionen angepasst. Kernstück ist eine Checkliste, die Forschende und dann auch Ethikkommissionen nutzen können, um systematisch zu prüfen, dass Sex und Gender in einer geplanten Studie überall berücksichtigt werden, wo es notwendig ist. In einem Forschungsprojekt im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 83 zu Gendermedizin und -gesundheit werden wir nun untersuchen, ob die neuen Richtlinien in der Praxis tatsächlich dazu führen, dass Schweizer Ethikkommissionen und Forschende Sex und Gender stärker berücksichtigen.
Können Sie ein Beispiel geben für wichtige Punkte, die bisher in vielen Forschungsprojekten vergessen gehen?
Bei der Prüfung eines Forschungsprotokolls schaue ich mir zum Beispiel immer an, wie die Rekrutierung geplant ist. Wenn Untersuchungen oder Befragungen nur am Mittwochnachmittag geplant sind, werden eher Frauen ohne Kinder teilnehmen können, aber kaum Mütter, die kleine Kinder betreuen. Hinzu kommt, dass Schwangere oder Frauen im gebärfähigen Alter teils noch immer systematisch ausgeschlossen werden.
Häufig ist Forschenden schlicht nicht bewusst, warum Sex und Gender eine Rolle spielen. Viele machen vor Studienbeginn keine gründliche Literaturrecherche zum Thema. Dabei müsste man sich fragen: Spielen Sex oder Gender bei dieser Krankheit oder Fragestellung eine Rolle? Wer für das Thema nicht sensibilisiert ist, baut die Studie automatisch so auf, dass diese Informationen am Ende fehlen.
Sie haben lange am Universitätsspital und an der Universität Genf gearbeitet und sich dort stark zum Thema engagiert, zum Beispiel eine Gruppe «Medizin, Gender und Gleichstellung» mitgegründet. Seit April sind Sie nun Direktorin des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Wie erleben Sie das Umfeld an der Universität Bern im Vergleich zu Genf?
Sehr positiv. Das Netzwerk «Female Empowerment in Life Sciences» FELS bringt Forscherinnen aus Medizin und Biologie auf verschiedenen Karrierestufen zusammen, damit sie einander unterstützen können. Auch die Gleichstellungskommission ist sehr aktiv. Und die Schaffung einer neuen Professur für Gendermedizin an der Universität Bern ist ein starkes Signal, dass das Thema ernst genommen wird.
Was wir in Bern noch entwickeln könnten, ist eine systematischere Integration von Sex und Gender in die medizinische Ausbildung. Lausanne und Genf sind in diesem Bereich sehr aktiv. Wir könnten vom Netzwerk profitieren, das ich in Genf aufgebaut habe, um dasselbe auch hier in Bern umzusetzen. In meinen eigenen Kursen baue ich diese Aspekte bereits regelmässig ein. Gemeinsam mit der Professorin für Gendermedizin möchte ich das künftig noch breiter verankern.
In Ihrem jüngsten Lancet-Kommentar betonen Sie, dass es angesichts der aktuellen politischen Lage besonders wichtig ist, sich für das Thema einzusetzen. Warum?
Mit einem amerikanischen Präsidenten, der diese Fragen verbietet und die Finanzierung für Forschung zu Gender streicht, erleben wir einen gravierenden Rückschritt. Und ich habe den Eindruck, dass sich auch hier in der Schweiz manche Personen, die zuvor geschwiegen haben, jetzt plötzlich ermutigt fühlen, sich gegen diese Themen auszusprechen und Sex- und Genderfragen als eine rein politische Angelegenheit abzutun.
Doch das ist grundfalsch: Es geht nicht um Ideologie. Es geht um Gerechtigkeit, um wissenschaftliche Genauigkeit und die Relevanz von Forschungsergebnissen sowie um eine sichere medizinische Versorgung für alle Menschen – egal, ob sie sich als Frau, Mann oder nicht-binär identifizieren. Wenn wir Sex und Gender ignorieren, verschlechtern wir Diagnosen, verpassen Behandlungen und gefährden Patientinnen und Patienten. Nicht zuletzt setzen wir auch das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft aufs Spiel. Gerade deshalb müssen wir heute entschlossener denn je dafür eintreten.
Der Originalartikel erschien am 19. Dezember 2025 im uniaktuell