Berner Fachhochschule
PHBern

«Urban Futures» – wie Kooperation wirklich gelingt

Text: Nicola v. Greyerz

10. Juli 2026

Bei der Begehung der Hubergasse-Siedlung sehen die Studierenden diverse Begrünungsvarianten.

In der interdisziplinären Lerngelegenheit "Urban Futures" entwickeln Studierende der PHBern und der Berner Fachhochschule (BFH) gemeinsam Lösungen für ein lebenswertes Stadtquartier und erproben, wie sich solche komplexen Themen fächerübergreifend vermitteln lassen. Zwei der vier Dozierenden geben im Interview Einblick in dieses Kooperationsprojekt und erzählen, was sie selbst dabei gelernt haben.

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Wie ist das Projekt «Urban Futures» entstanden?

Moritz Gubler (Forschungsbeauftragter und Dozent PHBern): Entstanden ist das Projekt aus einer breiteren Initiative der PHBern für Lehrpersonen im Bereich der MINT-Fächer. Nachhaltiges Bauen und Kreislaufwirtschaft bot sich dabei als ein idealer inhaltlicher Aufhänger an, weil sich daran sehr viele verschiedene Disziplinen vereinen lassen. So wurden Joachim Huber vom Departement Holz und Bau der BFH mit mir und Pete Bürgy von der PHBern zusammengeführt. Später konnten wir das Projekt dann auch auf studentischer Ebene auf die BFH erweitern.

Joachim Huber (Dozent für Architektur an der BFH): Dafür habe ich einen Antrag für eine «BFH diagonal»-Förderung gestellt. Dabei geht es um hochschulweite interdisziplinär ausgerichtete Wahlmodule für BFH-Studierende. Seither wird «Urban Futures» von beiden Hochschulen gelichermassen gefördert und seit einem Jahren halten sich PHBern- und BFH-Studierende in etwa die Waage.

Was ist das Ziel von Urban Futures?

Die Studierenden gestalten visionäre Lebensräume: Im Modell wird sichtbar, wie durch Fassadenbegrünung und soziale Begegnungszonen ein klimagerechtes und attraktives Stadtquartier entsteht.

Gubler: Im Kern geht es um nachhaltigen Siedlungsbau. Beim Durchlaufen eines ganzen architektonischen Modellzyklus beginnend beim Skizzieren und Beschreiben, wie ein Areal umgestaltet werden könnte, über das Bauen eines Architekturmodells bis hin zur Präsentation vor einer Fachjury gewinnen unsere PH-Studierenden sehr viele technische und gestalterische Kompetenzen, die sie direkt im Unterricht umsetzen können. Wir haben versucht vorzuleben, was Interdisziplinarität in der Umsetzung wirklich bedeutet – an einem didaktisch-pädagogisch spannenden Thema.

Huber: Der Modellbau bietet in allen seinen Stufen der Entwicklung Anlass zur Kommunikation. Er eröffnet Diskussionen über das Thema Stadt, Quartier und Fragen, wie ich leben will Studierende haben dabei eine Persona zugelost bekommen, die sie mit ihren Lebensvorstellungen und -wünschen im Projekt repräsentieren mussten. So haben sie sehr implizit gelernt, mit Komplexität umzugehen.

Gubler: Kombiniert mit Exkursionen zu ausserschulischen Lernorten (z. B. in den Breitenrain und ins Warmbächli) und anderen Formen der Vermittlung – forschendes Lernen und der Einsatz von hybriden Lehrformen – ist der ganze Kurs didaktisch sehr gut durchdacht und sollte dadurch auch als Beispiel dienen, wie mit Interdisziplinarität umgegangen werden kann. Und es soll die Angst nehmen, sich auch im Schulalltag überkomplexen Themen wie nachhaltigem Siedlungsbau anzunehmen.

«Studierende bekommen den Mut, sich mit neuen, ihnen vorerst fremden Themen auseinanderzusetzen »

Joachim Huber

Was bewegt Studierende, das Modul zu belegen?

Gubler: Grundsätzlich denke ich, dass Fragen rund um nachhaltige, zukunftsfähige Siedlungsgestaltung junge Menschen sehr interessieren, weil es sie direkt in ihrer Lebenswelt abholt.

Huber: Ich glaube, das hat auch mit der Weltlage zu tun. Die Auseinandersetzung mit dem Lokalen, auf das ich auch Einfluss nehmen kann, das bietet Studierenden einen Anker.

Und was sind die Rückmeldungen der Studierenden?

Huber: Studierende bekommen den Mut, sich mit neuen, ihnen vorerst fremden Themen auseinanderzusetzen – und darin auch neue Leidenschaften zu finden. Das wurde mir mehrfach zurückgemeldet.

Gubler: Wir fordern viel von den Studierenden. Der Aufwand ist gross und die ECTS-Punkte sind hart verdient. Aber durch die intensive Auseinandersetzung mit einem Projekt lernen sie halt auch viel – über das Thema, über Methoden und Fertigkeiten, aber auch über sich selbst.

Wie meinen Sie das?

Im Gespräch mit Genossenschaftsmitgliedern der Wohngemeinschaft Warmbächli erfahren die Studierenden aus erster Hand, wie gemeinschaftliche Räume und partizipative Prozesse das soziale Miteinander im Quartier fördern.

Gubler: Als wir das Warmbächli-Areal mit seinen neuen Wohnformen besucht haben, habe ich gemerkt, dass sich einige Studierende zum ersten Mal intensiver mit der Frage, wie sie in Zukunft wohnen möchten, auseinandergesetzt haben. Und viele geben auch als Rückmeldung, dass sie seit dem Besuch des Moduls anders durch Städte gehen.

Wie konnten Sie selbst – als Dozenten von diesem Projekt und der interdisziplinären Zusammenarbeit profitieren?

BFH-Dozent Joachim Huber erläutert die Umgebung der Hubergasse-Siedlung.

Huber: Ich als technisch geprägter Mensch habe von Moritz und Pete viel über Gruppendynamik sowie darüber gelernt, wie man diese positiv beeinflussen und intrinsisch motiviertes Lernen fördern kann. Und das Anwenden von gemischten Lernformen.

Gubler: Dieser didaktisch-pädagogische Blick auf alles ist bei uns natürlich tägliches Brot. Ich habe von Joachim durch den überaus angewandten Fokus des Moduls sehr viel architektonisches Fachwissen erhalten und ein breites Netzwerk an Praxispartnerinnen und -partnern erschliessen können. Das fehlt bei uns im Alltag, weil wir – gesteuert durch die Vorgaben der Lehrpläne – halt immer sehr breit unterrichten müssen.

Huber: Am Anfang habe ich Studierende etwas überfordert. Als Fachexperte will man den Studierenden möglichst viel vermitteln und deckt sie mit Informationen, Verweisen auf Lesevorschläge, Videos etc. ein. Sie haben aber gar nicht die Zeit, das alles anzuschauen und zu lesen. Da war es für mich sehr hilfreich, seitens der PHBern ausgewiesene Pädagogen im Team zu haben, die mich bei der Aufbereitung des Stoffs unterstützt haben.

An ihrem Projekt ist auch die Stadt Bern beteiligt. Was ist für Mitarbeitende der Stadt spannend daran?

Gubler: Für die Stadt Bern ist unser Projekt spannend, da sie in Kontakt mit zukünftigen Lehrpersonen kommen, die auch wichtige Multiplikatiorfunktionen in der Sensibilisierung haben – zum Beispiel im Aufzeigen, dass man in einer Stadt nicht allen Ansprüchen gerecht werden kann und Kompromisse finden muss. Und die Mitarbeitenden erhalten neue Inputs und Sichtweisen von aussen. Das ist inspirierend und bereichernd für sie.

Können Sie rückblickend entscheidende Erfolgsfaktoren benennen für dieses Projekt?

Gubler: Wir hatten und haben das grosse Glück, dass dieses Projekt sowohl bei der PHBern wie auch bei der BFH von Anfang an mit genügend Ressourcen ausgestattet war. Wir verfügten über die Kapazitäten, gemeinsam Lehrveranstaltungen zu konzipieren und diese dann auch im Teamteaching durchzuführen. Ohne diese wäre es vielleicht einfach eine Lehrveranstaltung mit unterschiedlichen, voneinander losgelösten Fachinputs.

Huber: Wir haben auch das Glück, dass wir uns untereinander sehr gut verstehen und dass «Urban Futures» bei uns allen zu einem Herzensprojekt geworden ist. Man muss gerne miteinander arbeiten und bereit sein, mit- und füreinander die Extrameile, die solche Projekte erfordern, zu gehen. Das haben wir getan und das macht einfach auch grosse Freude.

«Wir haben versucht vorzuleben, was Interdisziplinarität in der Umsetzung wirklich bedeutet »

Florian Gubler

Wie sieht die Zukunft von «Urban Futures» aus?

Gubler: Solange wir genügend Anmeldungen haben, kann das Projekt Stand heute weitergeführt werden – ausser es fällt Sparmassnahmen zum Opfer, was wir natürlich nicht hoffen. An der PHBern gibt es die Bestrebungen, das Projekt in einen noch breiter gedachten Kontext der Klimabildung einzubetten – zum Beispiel mit der Beteiligung des Faches Deutsch oder Musik. Das fände ich sehr spannend.

Huber: Und wir müssen uns nach einem neuen Bauplatz bzw. einem neuen Rechercheobjekt umsehen. Es gibt schon einige Ideen, aber es ist noch nichts spruchreif.

Zur Person

Dr. Moritz Gubler

Der ausgebildete Geographielehrer, Fachdidaktiker und Klimatologe lehrt und forscht an der PHBern mit spezifischem Fokus auf Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Zudem leitet er an der Universität Bern das Forschungsprojekt «Urban Climate Bern» am Geographischen Institut und den Forschungscluster «Climate, Cities & Health» am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung.

Zur Person

Joachim Huber

Dr. Joachim Huber ist Professor für Architektur an der Berner Fachhochschule und forscht seit 2006 in den Bereichen Städtebau, Stadtentwicklung und Planung mit einem speziellen Augenmerk auf Nachverdichtung, Kreislaufstadt und Stadttheorie. Er hat langjährige Auslanderfahrung in der akademischen Forschung (Bauhaus-Universität Weimar, Ohio State University, Istituto Svizzera die Roma). Aktuell ist der Teil des Forschungsteams des Nationalen Forschungsprogramms «NFP81 Baukultur».

"Urban Futures": Stadtentwicklung als Lernfeld für Studierende

«Urban Futures»: Stadtentwicklung als Lernfeld für Studierende
Studierende des Instituts Sekundarstufe I der PHBern und Studierende der BFH entwickeln in «Urban Futures» gemeinsam Lösungen für lebenswerte Stadtquartiere der Zukunft. Die interdisziplinäre Lerngelegenheit bringt Dozierende wie auch Studierende beider Hochschulen zusammen.

Weitere Informationen zum Projekt auf der Seite der PHBern 

Weitere Informationen zum Projekt auf der Seite der BHF

Bericht zu «Urban Futures» im Blog der PHBern