Berner Fachhochschule
PHBern

Vom Acker bis zum Teller: Kooperationen mit nachhaltiger Wirkung

Text: Nicola v. Greyerz

07. Sep. 2026

Tavolata im Rahmen der Berner Nachhaltigkeitstage

Mit der Berner Bio-Offensive verfolgte der Regierungsrat des Kantons Bern in den vergangenen Jahren das Ziel, die regionalen Bio-Produkte zu stärken. Unter dem kommunikativen Dach „Bern ist Bio“ wurden Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Gastronomie vernetzt. Die Geschäftsstelle von „Bern ist Bio“ war bei der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (BFH-HAFL) der Berner Fachhochschule angesiedelt. Der Projektleiter Lorenz Probst beschreibt im Interview, wie Partnerschaften aufgebaut werden, die auch über das Projektende hinaus Bestand haben.

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Was steckt hinter „Bern ist Bio“ und wie kam das Projekt an die Berner Fachhochschule?

Lorenz Probst (Projektleiter): „Bern ist Bio“ startete 2021 und ist die Fortsetzung der ersten Berner Bio-Offensive. In der ersten Phase zielte das Projekt darauf ab, im grössten Landwirtschaftskanton der Schweiz mehr Betriebe zur Umstellung auf den Bio-Standard zu bewegen und so auch die Anbaufläche zu vergrössern. Dieses Ziel wurde bis 2020 erreicht: Über 300 Betriebe konnten überzeugt werden, ihre Produktion umzustellen. Von 2021 bis 2025 ging es darum, die Wertschöpfungskette bis hin zu den Konsumierenden weiterzuentwickeln. Wir hatten den Auftrag, den Claim „Mehr Wertschätzung und Wertschöpfung für Berner Bioprodukte“ mit Leben zu füllen.

Für die organisatorische Ausgestaltung hat sich der Kanton Bern entschieden, der BFH-HAFL ein entsprechendes Mandat zu erteilen. Dies brachte den bedeutenden Vorteil, dass wir in engem Kontakt mit Expertinnen und Experten aus Landwirtschaft, Lebensmittelwissenschaft und Betriebswirtschaft standen. Fragen aus der Praxis konnten wir unkompliziert mit wissenschaftlichem Knowhow verbinden. So entstanden pragmatische und dennoch fundierte Lösungen.

Der Schulgarten an der Weltistrasse
Der Schulgarten an der Weltistrasse

Sie haben als wissenschaftliche Institution ein transdisziplinäres Projekt mit vielen Praxispartnern entwickelt. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Probst: Es war uns von Anfang an wichtig, nicht nur verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zusammenzuführen, sondern auch die Praxis von Beginn an auf Augenhöhe einzubeziehen. Die Fragestellungen haben wir eng mit unseren Praxispartnerinnen und -partnern erarbeitet und sind nicht erst zu ihnen gegangen, wenn es um die Umsetzung ging. Methodisch orientierten wir uns stark am Design-Thinking-Ansatz:

Ziel war, den Zyklus der Erarbeitung von wissenschaftlich fundierten Lösungen mit hoher Praxisorientierung, der Prüfung und Rückmeldung der Erkenntnisse mit anschliessender Weiterentwicklung möglichst rasch zu durchlaufen. Ganz am Anfang stand dabei jeweils als wichtigster Punkt die gemeinsame Problemschärfung und -definition.

Heute spricht man häufig davon, nichtwissenschaftliche Expertise in die Forschung einzubinden. Ich denke, das ist uns gut gelungen. Dies ist sicherlich ein Grund dafür, dass einzelne Teilprojekte von „Bern ist Bio“ mittlerweile unabhängig von der BFH-HAFL erfolgreich weitergeführt werden.

«Es war uns von Anfang an wichtig, nicht nur verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zusammenzuführen, sondern auch die Praxis von Beginn an auf Augenhöhe einzubeziehen»

Lorenz PRobst

Neben den Praxispartnern haben Sie auch eng mit der PHBern zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Probst: Wir wollten von Anfang an die Wertschöpfungskette bis zu den Konsumierenden hin weiterdenken und fragten uns, wie wir dazu beitragen können, dass Konsumentinnen und Konsumenten informiertere Kaufentscheidungen treffen. Dabei lag es nahe, bei den Schulen anzusetzen, zumal das Thema Ernährung gut zu den kantonalen Zielen im Bereich BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) passt.

Und was ist daraus entstanden?

 

Probst: Mit Unterstützung der Oekonomischen Gemeinnützigen Gesellschaft Bern (OGG) haben wir – gemeinsam mit Mitarbeitenden der PHBern – am Standort Weltistrasse den Bildungsgarten angelegt. Dieser bietet den idealen Rahmen für die Gestaltung eines Aus- und Weiterbildungsangebotes für Lehrpersonen. Sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung dieser Angebote haben Mitarbeitende der PHBern und BFH-HAFL Hand in Hand zusammengearbeitet. So konnte das Thema Schulgarten weiterentwickelt werden, so dass wir bei mehreren Schulen im Kanton Bern Hilfestellungen beim Aufbau eines Schulgartens vor Ort geben konnten. Ein Schulgartenprojekt sollte jeweils in einem didaktischen, organisatorischen und agronomischen Setting betrachtet und begleitet werden. Die Zusammenarbeit mit der PHBern hat so nicht nur im übertragenen Sinn Früchte getragen.

In Zusammenarbeit mit der PHBern entstanden Unterrichtsmaterialien wie z.B. „Vom Korn zum Bio-Brot“. Dieses Dossier für den Zyklus 2 kann weiterhin heruntergeladen werden und es hat inzwischen den Weg zu einem Lehrmittelverlag gefunden.

Über die Bildung hinaus gab es auch Kooperationen mit Wirtschaftspartnern. Können Sie ein Beispiel nennen?

Probst: Ein besonders gelungenes Beispiel ist ein Kaffeeersatz aus Lupinen, den wir gemeinsam mit einem Betrieb entwickelt haben. Vom Anbau über die Röstung bis zur Verpackung wird alles im Kanton Bern produziert. Dieses Projekt zeigt, wie eng betriebswirtschaftliche, agronomische und lebensmitteltechnische Fragestellungen ineinandergreifen, wenn regionale Wertschöpfung ernst genommen wird. Für die Entwicklung des Produkts mussten über 250 Testläufe durchgeführt werden. Dank der engen Zusammenarbeit mit unseren Lebensmitteltechnologinnen und -technologen konnten die Entwicklungszyklen kurzgehalten werden. Ähnlich verhält es sich mit der Projektidee eines Berner Produzenten, Pommes aus fermentierten Kartoffeln herzustellen. Unsere Forschenden beschäftigten sich dabei insbesondere mit der Frage, welche Kartoffelsorte sich dafür am besten eignet.

Erfreulich war zudem, dass wir bei solchen Projekten stets Studierende einbeziehen konnten. Ein studentisches Projekt entwickelte beispielsweise aus dem Nebenprodukt der Tofu-Herstellung einen veganen Molkedrink.

Was geschieht mit den Ergebnissen, wenn ein Projekt wie „Bern ist Bio“ ausläuft?

Probst: Es war uns wichtig, für jeden Teilbereich tragfähige Anschlusslösungen zu finden. Wir erachteten diese Vorgehensweise als nachhaltiger, als sämtliche Aktivitäten in einer neuen Organisation zu bündeln. Das Logistikkonzept wird heute vom Verein Stadt- /Landlogistik weitergeführt und lässt sich bereits auf andere Regionen übertragen. Weitere Projekte gingen an Bio Bern, die Branchenorganisation der Biobauern, oder an das INFORAMA über. Mit Bio Suisse prüfen wir derzeit, wie sie einen Teil unserer über 1200 Kommunikations- und Storytelling-Beiträge für ihre eigenen schweizweiten Kanäle verwenden können.

«Transdisziplinarität klingt einfach, sie für beide Seiten gewinnbringend umzusetzen, ist aber nicht immer leicht.»

Lorenz Probst

Was ist Ihr Fazit aus dieser mehrjährigen, transdisziplinären Zusammenarbeit?

Probst: Eine breite Kooperation zwischen Hochschulen, Kanton, Bildungseinrichtungen und Praxisbetrieben funktioniert nur, wenn von Anfang an bedacht wird, wo einzelne Ergebnisse langfristig ihre Heimat finden. Nicht alle Ergebnisse müssen weiterbestehen, doch wertvolle Inhalte sollen dort fortbestehen, wo sie tatsächlich gebraucht und genutzt werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass zwischen Wissenschaft und Praxis oft noch viel Vermittlungsarbeit nötig ist. Transdisziplinarität klingt einfach, sie für beide Seiten gewinnbringend umzusetzen, ist aber nicht immer leicht. Die Beteiligten sprechen oft unterschiedliche „Sprachen“, und die Uhren ticken unterschiedlich: Praktikerinnen und Praktiker erwarten schnelle Antworten, während Forschende häufig andere Zeithorizonte verfolgen und von Abgabeterminen für Publikationen oder Konferenzen abhängig sind. Diese unterschiedlichen Rhythmen in Einklang zu bringen, erfordert einiges. Gelingt das, macht die Zusammenarbeit umso mehr Freude.

Schulgarten konkret: gartenbasiert unterrichten

Praxisnahe Unterrichtsideen in und um den Schulgarten
Diese Weiterbildung richtet sich an Teilnehmende, die sich dafür interessieren, wie sie ihren Unterricht im Schulgarten mit spezifischen, einzelnen Themen erweitern können. In jeder Durchführung wird ein Thema und verschiedene mögliche Unterrichtsprojekte damit vorgestellt. Zentrale Inhalte sind der kollegiale Austausch, praktische Umsetzungsmöglichkeiten sowie vorhandene Unterrichtsmaterialien und Lehrmittel.

Weitere Informationen finden Sie hier

Zur Person

Lorenz Probst

Lorenz Probst arbeitet an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL (Fachgruppe Wirtschaft, Abteilung SÜD, studiengangübergreifende Disziplinen)  und ist zudem Co-Leiter Entrepreneurship Office BFH